Rollenverständnis - Verantwortung und Augenhöhe

In meiner Praxis als Koordinatorin eines Mentoring-Programms begegnen mir immer wieder Mentees, die unsicher sind, wie oft sie ihre Mentorin ansprechen dürfen, und sich sorgen, ihren Mentor zu belästigen. Gleichzeitig höre ich von Mentor*innen, dass ihre Mentees sich nicht regelmäßig melden, und sie nicht sicher sind, ob ihr Rat vielleicht doch nicht gefragt ist oder beim letzten Mal nicht so gut angekommen ist. Für beide ist es ein Aha-Erlebnis, in einer Netzwerkveranstaltung, bei der sich Mentor*innen und Mentees austauschen, die offenen Fragen der "anderen Seite" zu hören. 

Unklar ist dabei oft, wem die Verantwortung in der Gestaltung der Mentoringbeziehung obliegt, und ob es ein Austausch auf Augenhöhe ist. Da die Mentorin oft älter, berufserfahrener und in einer höheren Hierarchiestufe angesiedelt ist und zudem den Mentee berät, scheint es den Mentees leicht so, als sollten sie auch in der Mentoringbezehung die Führung übernehmen. Doch dem ist nicht so! Ein erfolgreiches Mentoring basiert darauf, dass die Mentee weiß, was sie erreichen will, ihre Ziele formulieren kann und ihre Bedürfnisse der Mentorin kommunizieren kann. Somit findet das Gespräch auf Augenhöhe zwischen gleichberechtigten Gesprächspartner*innen statt.

Die Mentees brauchen dafür die Vergewisserung seitens der Mentor*innen, dass sie dieses Ehrenamt tatsächlich übernommen haben, weil sie den Mentees zur Seite stehen möchten, und daher auch bereit sind, regelmäßig Zeit zu investieren. Die Mentor*innen wiederum können getrost von den Mentees einfordern, Verantwortung für die Beziehungsgestaltung zu übernehmen. Dazu gehört auch die direkte Frage, ob der Mentor gerade Zeit für die akuten Fragen des Mentees hat, und in Phasen ohne konkrete Anliegen an die Mentorin, ihr auch dies klar zu kommunizieren. Eine wichtige Grundlage für den Abgleich von Zielen und Erwartungen und die Absprache der Rahmenbedingungen ist die Mentoring-Vereinbarung, die zu Beginn des Mentorings abgeschlossen wird und später auch als Grundlage einer Zwischenbilanz dienen kann.